Was ist die Welt?

Wahrnehmung der Welt

Inhalt

Drei Kollegen sitzen im selben Meeting – und sind sich uneinig, nicht weil einer unrecht hat, sondern weil jeder eine andere Welt wahrnimmt. Was Wahrnehmungspsychologie und Hirnforschung über gefilterte Weltbilder verraten – und warum die beste Entscheidung nicht die überzeugendste Meinung braucht, sondern alle gefilterten Ausschnitte der Realität auf dem Tisch.

Konferenzraum, Montagvormittag. Ich habe zum Meeting eingeladen. Schnell noch den Raum durchgelüftet bevor die ersten Teilnehmer kommen. Langsam füllt sich der Raum. Ich bin kurz irritiert: Die Wanduhr scheint stehengeblieben zu sein. Ein Kollege aus dem Engineering zieht seinen Stuhl direkt neben die Heizung und bleibt in der Jacke sitzen – ihm ist kalt. Etwas später kommt eine Kollegin aus dem Supply-Chain-Team dazu, findet die Luft „zum Schneiden“ und reißt als Erstes das Fenster auf. Straßenlärm, lauter Beamer: ich verstehe meine Kollegen kaum.

Eigentlich geht es an diesem Vormittag um etwas anderes: Ein Mikrocontroller wurde unerwartet abgekündigt, wir müssen einen Nachfolger auswählen. Drei Kandidaten liegen auf dem Tisch, interdisziplinär bewertet von Engineering, Operations und Supply Chain. Und schon in den ersten Minuten wird klar: Die Uneinigkeit fängt nicht erst bei den drei Optionen an. Sie fängt schon beim Raum an, in dem wir sitzen.

Der Ingenieur sieht bei Kandidat A vor allem die technische Passung: Rechenleistung, Temperaturbereich, ausgereifte Toolchain – geringes Entwicklungsrisiko. Die Kollegin aus dem Supply Chain sieht bei genau demselben Kandidaten zuerst die Lieferzeit: ein einziger Hersteller, keine Alternative bei Engpässen – ein Risiko, das in keiner Tabelle steht, das sie aber aus drei zurückliegenden Bauteil-Krisen kennt. Operations rechnet in Stückkosten und zusätzlichem Prüfaufwand für die Serienfertigung. Drei Personen, dieselbe Tabelle, drei Rankings – und jeder ist überzeugt, seine Einschätzung sei die naheliegende.

Objektiv haben alle drei an derselben Besprechung teilgenommen. Aber die Welt, auf die jeder von ihnen reagiert hat, war nicht dieselbe. Genau diese Uneindeutigkeit haben wir in „Alles VUCA?“ als Ambiguität kennengelernt – ein Merkmal komplexer Situationen, das wir in „Komplex ist nicht kompliziert“ von der reinen Kompliziertheit unterschieden haben. Hier bekommt sie ein Gesicht: den wahrnehmenden Menschen.

Woran liegt es, dass derselbe Sachverhalt von unterschiedlichen Personen so verschieden wahrgenommen wird – obwohl allen dieselben Fakten vorlagen?

In diesem Beitrag geht es zunächst um die sensorische Wahrnehmung und Filterung der Welt um uns herum – wie aus Licht- und Schallwellen im Konferenzraum ein subjektives Bild „der Lage“ entsteht, das sich von Kopf zu Kopf unterscheidet. Was uns dann tatsächlich zum Handeln antreibt, ist noch einmal eine andere Frage. Ihr widme ich mich im nächsten Beitrag: „Wer bin ich eigentlich?

Wahrnehmung der Umwelt

Mit der Frage, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und daraus ein Bild der Welt ableiten, beschäftigt sich die Wahrnehmungspsychologie.

Als lebender Organismus interagieren wir ununterbrochen mit der Umwelt. Ständig wirken Reize aus der Umwelt auf unseren Körper ein und werden von den entsprechenden körpereigenen Rezeptoren registriert und von unserem Nervensystem verarbeitet. Die dabei ablaufenden Prozesse sind extrem komplex. Vereinfacht dargestellt läuft die Wahrnehmung von Umweltreizen und die Auslösung von Handlungen als Reaktion auf den Reiz nach dem folgenden Schema ab [Goldstein2023]:

  1. Distaler Reiz (Umgebungsreiz): Der distale Reiz ist das tatsächliche Objekt oder Ereignis in der Umwelt – etwa ein Baum, ein klingelndes Telefon oder eine sprechende Person. Er existiert „in der Ferne“ (lateinisch distans = entfernt) und ist physikalisch detektierbar (z. B. als reflektiertes Licht, Schallwellen, chemische Moleküle).
  2. Proximaler Reiz: Der proximale Reiz ist das Muster aus Energie, das von dem distalen Reiz ausgeht und tatsächlich auf die Sinnesrezeptoren trifft – z. B. das Lichtbild auf der Netzhaut, die Schallwellen im Innenohr oder Duftmoleküle an den Riechrezeptoren. Er ist die unmittelbare, „nahe“ (lateinisch proximus) Repräsentation des distalen Reizes im Sinnessystem.
  3. Rezeptoraktivierung An den Sinnesrezeptoren findet eine Transformation statt: physikalische oder chemische Energie wird in bioelektrische Signale (Aktionspotenziale) umgewandelt. Beispielsweise wandeln Stäbchen und Zapfen in der Netzhaut Lichtenergie in elektrische Signale um; Haarzellen im Cochlea tun dasselbe für Schall.
  4. Neuronale Verarbeitung Die elektrischen Signale werden über Nervenbahnen zum Gehirn geleitet und dort in mehreren Stufen verarbeitet – von primären sensorischen Arealen (z. B. visueller Kortex) bis zu höheren Verarbeitungsarealen. Dabei werden Eigenschaften wie Intensität (durch Feuerrate), Ort (durch welche Neurone feuern), Dauer und Typ des Reizes kodiert.
  5. Bewusste Wahrnehmung Aus der neuronalen Verarbeitung entsteht das Perzept – die bewusste, subjektive Erfahrung des Reizes (z. B. „Ich sehe einen roten Apfel“ oder „Ich höre ein Klingeln“). Dies ist das Ergebnis der Rekonstruktion des distalen Reizes aus den proximalen Informationen.
  6. Erkennen/Interpretation In diesem Schritt wird das Perzept mit vorhandenem Wissen, Erwartungen und Gedächtnisinhalten abgeglichen – man erkennt das Objekt oder Ereignis und interpretiert es (z. B. „Das ist mein Handy, es ruft jemand an“). Dieser Prozess kann top-down (wissensgesteuert) oder bottom-up (reizgesteuert) erfolgen und ist nicht immer streng sequenziell – Erkennen und Wahrnehmung können auch gleichzeitig oder in umgekehrter Reihenfolge auftreten.
  7. Handeln Auf Basis der Interpretation erfolgt eine behaviorale Reaktion: motorische Aktivitäten wie Greifen, Sprechen, Weglaufen oder Ignorieren. Dieser Schritt schließt den Kreislauf, da das Handeln wiederum neue distale Reize in der Umwelt erzeugen kann (z. B. durch Bewegen des Kopfes ändert sich das Lichtbild auf der Netzhaut).

Durch das Handeln entstehen wiederum neue Reize, wodurch der Prozess erneut angestoßen wird. Wie oben bereits erwähnt, handelt es sich bei dem geschilderten Prozess um eine stark vereinfachte Darstellung! Im Allgemeinen laufen die einzelnen Prozessschritte auch parallel ab und beeinflussen sich gegenseitig.

Alles nur gefiltert

Aus dem im vorigen Abschnitt beschriebenen Schema wird deutlich: Was eine Person wahrnimmt, ist nicht das ursprüngliche Objekt in der Welt, sondern eine Repräsentation dessen. Zudem ändert sich die Art der Repräsentation im Laufe des Wahrnehmungsprozesses mit jeder Transformation. Beispiel: Blatt eines Baumes ➔ reflektiert grünes Licht ➔ aktiviert Zapfen in der Netzhaut ➔ Zapfen erzeugt elektrisches Signal (Transduktion) ➔ Neuronen leiten elektrisches Signal ins Gehirn. Dabei gehen unweigerlich immer mehr der ursprünglichen Informationen über das den Reiz auslösende Objekt verloren.

Sowohl die Qualität, als auch die Quantität der Reizrepräsentation variiert von Individuum zu Individuum: Jeder Mensch hat unterschiedlich leistungsfähige Sensoren. Eine Person sieht oder hört z.B. besser, als die andere. Dadurch werden identische Umgebungsreize allein schon unterschiedlich wahrgenommen. Mit fortschreitender Transformation und Verarbeitung des Reizes werden die Unterschiede immer größer.

Die Wahrnehmung der Welt geschieht somit nicht durch eine „objektive” Kamera, die die Umwelt präzise „vermisst”. Vielmehr handelt es sich um einen aktiven Konstruktionsprozess eines subjektiven Modells der Umwelt in unserem Gehirn, bei dem Information selektiert, komprimiert und interpretiert wird.

Wie das genau funktioniert, ist Gegenstand aktueller Forschung. Laut dem Neurowissenschaftler Anil Seth [Seth2021] ist das Gehirn evolutionär nicht primär darauf ausgelegt, die Außenwelt perfekt zu „rekonstruieren”, sondern nützliche Vorhersagen für die Zukunft zu machen, d.h. solche, die sich möglichst positiv auf das Überleben der Spezies auswirken.

Das Gehirn trifft ständig Vorhersagen über die in einer Situation zu erwartenden sensorischen Wahrnehmungen. Werden jedoch Unterschiede zwischen der Vorhersage und den tatsächlichen Signalen registriert so muss das subjektive Modell der Welt im Gehirn angepasst werden. Durch diese ständige Korrektur der Vorhersagefehler entsteht unsere Wahrnehmung der Welt.

Unser subjektives Modell der Welt ist jedoch nicht nur durch unsere sensorische Wahrnehmung gebildet, sondern ebenso von unserem Denken bestimmt, das z. B. von Erfahrungen in der Vergangenheit geprägt ist.

Diese Filterung des Weltbildes ist kein Fehler, sondern ein wichtiges Feature unseres Gehirns! Je mehr (und feinere) Reize vom Menschen zu verarbeiten sind, desto mehr kann er prinzipiell von der Welt erfahren. Das kann Vor- und Nachteile haben. Auf jeden Fall kostet die Reizverarbeitung viel Energie. Ohne Filterung wäre die Reizmenge nicht verarbeitbar und wir wären handlungsunfähig.

Die Filterung wird gefährlich, wenn sie systematisch in eine Richtung verzerrt und wenn z.B. eine Gruppe von Menschen diese Verzerrung gegenseitig verstärkt statt korrigiert. Daraus entstehen Phänomene wie Kognitive Verzerrungen und Gruppendenken, denen wir uns im Beitrag „Anders denken!” gesondert widmen, da sie von großer Bedeutung für das tägliche Leben und die Arbeitswelt sind.

Was das für Ihre nächste Entscheidungsrunde bedeutet

Zurück zu den drei Rankings für unseren Mikrocontroller. Der reflexartige Umgang mit einer solchen Uneinigkeit ist meistens derselbe: Man sucht die überzeugendste Analyse, das stärkste Argument, notfalls die lauteste Stimme im Raum – und behandelt die Meinungsverschiedenheit implizit als Kompetenz- oder gar Charakterfrage. „Der Ingenieur denkt nur technisch.” „Supply Chain blockiert schon wieder.” Das kostet Energie und Vertrauen, und in der Sache hilft es selten weiter, weil es am eigentlichen Mechanismus vorbeigeht: Es sind keine drei unterschiedlich kompetenten Einschätzungen derselben Lage, sondern drei tatsächlich unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Lage – jede geprägt von den Reizen, die die jeweilige Funktion über Jahre gelernt hat, als relevant herauszufiltern.

Für Führung folgt daraus zweierlei. Erstens: Eine Entscheidung wird nicht dadurch besser, dass sich eine der drei Perspektiven durchsetzt – sie wird besser, wenn alle drei gefilterten Ausschnitte offen auf den Tisch kommen, bevor abgewogen wird. Die Lieferrisiko-Erfahrung der Supply-Chain-Kollegin ist keine Bauchgefühl-Einwendung, sondern eine legitime Datenquelle, die in der technischen Tabelle schlicht nicht vorkommt. Zweitens: Wer den Mechanismus nicht kennt, verwechselt Wahrnehmungsdifferenz regelmäßig mit Konflikt – und beginnt, einen Konflikt zu moderieren, wo eigentlich nur unterschiedliche Weltausschnitte zusammengeführt werden müssten. Das ist ein anderes Gespräch, mit einer anderen Frage: nicht „Wer hat recht?“, sondern „Was hat wer gesehen, das die anderen nicht gesehen haben?”

Diesen Blick zu schärfen – zu erkennen, welche gefilterten Wahrnehmungen tatsächlich in eine Entscheidung einfließen, und sie bewusst zusammenzuführen statt sie gegeneinander auszuspielen – ist eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt. Wie das für Ihr Team oder Ihre nächste Entscheidungsrunde konkret aussieht, ist keine pauschale Antwort, sondern eine, die sich im Gespräch über Ihre Situation klärt.

Was in diesem Beitrag offenbleibt, ist die Frage, wie aus einer wahrgenommenen Lage am Ende eine persönliche Präferenz und Handlung wird – unabhängig davon, ob die Wahrnehmung geteilt wird oder nicht. Selbst wenn der Ingenieur, die Supply-Chain-Kollegin und die Kollegin aus Operations exakt denselben Ausschnitt der Lage gesehen hätten, kämen sie deshalb noch lange nicht automatisch zur selben Entscheidung. Wie stark jemand ein erkanntes Risiko gewichtet, wie schnell er nachgibt oder auf seiner Einschätzung beharrt, was ihm in der Abwägung überhaupt wichtig ist – das entscheidet sich nicht mehr in der Wahrnehmung, sondern in dem, was jeder als Person mitbringt. Genau darum geht es im nächsten Beitrag, „Wer bin ich eigentlich?“: um Selbst, Persönlichkeit, Motive und Werte als die Ebene, die aus einer wahrgenommenen Lage überhaupt erst eine Handlung macht.

Literatur

  • [Goldstein2023] E. Bruce Goldstein und Laura Cacciamani, Wahrnehmungspsychologie (2023)
  • [Seth2021] Anil Seth, Being you (2021)
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